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Vor 28 Jahren ....

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Januar 1984: Seit letztem Sommer ist eine Dachwohnung in einem alten Häuschen gegenüber dem modernen Theater in Winterthur mein Zuhause. Hier, und in der geräumigen Winterthurer Stadtbibliothek, beginne ich mein Selbststudium der Sekundärliteratur über Märchen. Sechs bis acht Stunden täglich. Schon bald kann ich mir keine andere Beschäftigung mehr vorstellen, die mich glücklicher machen würde.

Februar: Ich erstelle das Konzept eines sechsteiligen Abendkurses „Kind und Märchenwelt“. Das Zentrum am Obertor in Winterthur und die Klubschule St. Gallen nehmen das Angebot im Programm auf. Der Inhalt des Kurses richtet sich nach den Fragen, die mich selber beschäftigen: Woher kommen die Märchen? Was bedeutet die Stiefmutter im Märchen? usf. An jedem Abend würde ich ein Märchen erzählen.

April: Meine Faszination für die Märchen wird grösser und die Ersparnisse kleiner. Deshalb begebe ich mich zum Arbeitsamt, um mich als selbstständig erwerbende Märchenfrau anzumelden.

„Welchen Beruf haben Sie?“

„Ich arbeite mit Märchen.“

„Ach so, dafür gibt es keine Berufsbezeichnung. Aber ich habe hier fünf leere Zeilen für besondere Berufe. Sie sind also Märchenerzählerin?“

„Ja, aber diese Bezeichnung würde meine Tätigkeit nicht umfassend beschreiben.“

Wir einigen uns auf die Berufbezeichnung „Märchenpädagogin“.

Im Juli 1984 radle ich bei schönem Wetter jeden Morgen ins Freibad. Bei mir sind die vier Büchlein von Max Lüthi. Ich entdecke, staune, schreibe Auszüge. Der abstrakte Sprachstil der Märchen fasziniert mich ganz besonders. Diese Lektüre ist für mich eine wichtige Ergänzung zu den Interpretationen der Jungschen Schule und den anthroposophischen Hin-Deutungen. Die Ausführungen von Max Lüthi kann ich didaktisch umsetzen. Aus dieser Arbeit entsteht der „Wegweiser“ – ein Werkzeug zur Erarbeitung der Märchen, das ich heute noch benutze.

Aus dem vorjährigen Märchenkurs bei Klaus Meyer auf Boldern bei Zürich hat sich eine Märchengruppe gebildet. Wir treffen uns alle paar Wochen und erzählen einander Märchen. Diesmal erzähle ich „Das Meerhäschen“ und mache zum ersten Mal die Erfahrung, dass ich während dem Erzählen von einer starken Emotion überrascht werden kann. Märchen können Spiegel der Seele sein. Aus diesem Erlebnis entsteht bei mir die Gewissheit, dass ein Märchen vor öffentlichen Auftritten über längere Zeit verinnerlicht werden soll.

Im August 84 serviere ich als Aushilfe in einem Fischrestaurant am oberen Zürichsee (es wird im Kollektiv von Heilpädagogen geführt). Zu Gast ist hier ab und zu Marie-Louise von Franz. Und so trifft es sich gut, dass ich sie eines Abends bedienen kann. Bevor Frau von Franz aufbricht, sage ich zu ihr, dass ich ihre Märcheninterpretationen besonders schätze. Sie schaut mich, die Serviertochter, etwas irritiert an. Neben dem Werk von Hedwig von Beit lese ich auch heute noch häufig in den vielfältigen Veröffentlichungen von M.-L. von Franz nach. Am Brienzersee wird das Spielhotel von Hans Fluri eröffnet und da ich weiss, dass Gastgruppen gesucht werden, führe ich in diesen Räumen eine Weiterbildung für Sozialpädagogen durch. Ich erzähle: Die drei Federn (KHM 63), Fitchers Vogel (KHM 46), Fundevogel (KHM 51) und Frau Trude (KHM 43). Es ist der Einstieg für viele weitere Fortbildungen beim VPG (heute: agogis).

Im September 1984 kommt mein erster Elternbildungskurs zustande. Am ersten Abend ist zusätzlich auch Frau Kaiser dabei, eine betagte Dame, die Märchenkurse erteilt hat. Wenn ich es gut machen würde, gäbe sie mir ihre Arbeit weiter. Ich freue mich über „meine“ Märchenpatin. Als ich bei ihr zum Tee eingeladen bin, merke ich, wie verschieden wir die Märchen erleben und betrachten. So gehe ich von nun an meinen Märchenweg wieder ohne Patin. Ein zweiter Höhepunkt in diesem Monat ist die Teilnahme am 30. Europäischen Märchenkongress: Märchen in Erziehung und Unterricht, in Bad Karlshafen. Da ich gerne Erzählende aus der Schweiz kennen lernen möchte, bringe ich an der Eingangstür einen Zettel an mit der Bitte, hier Name und Adresse zu hinterlassen. Dadurch mache ich die Bekanntschaft von Silvia Studer-Frangi und Gidon Horowitz. In der Arbeitsgruppe von Felicitas Betz lerne ich das Erzählen nach der Lemniskate kennen und von der Referentin Angelika Kohli (Waldorfpädagogik) erfahre ich Wegweisendes: Es ist möglich, einen Vortrag zu halten, ohne das Manuskript vorzulesen. Noch heute (nach 25 Jahren!) sehe ich diese Frau vor mir, wie sie imaginär an eine Wandtafel zeichnet: Kupfer (1. Jahrsiebt) – Silber (2. Jahrsiebt) – Gold (3. Jahrsiebt).

Im Oktober 1984 biete ich bei Pro Juventute „Märli lose und spile an“. Es kommen 15 Kinder und ich erzähle „Hänsel & Gretel“. Nachher frage ich: „Wer möchte Gretel spielen?“ Fünf Arme schiessen hoch. „Wer möchte Hänsel spielen?“ Vier Knaben melden sich. Es gibt zwei Hexen und noch andere Rollen. Was tun? Geht es, wenn fünf Kinder gleichzeitig dieselbe Rolle spielen, frage ich mich. Einem Kind, das motiviert ist, kann ich keinen Wunsch abzuschlagen. Also sage ich „Ja“. Die fünf Gretel gestalten emsig fünf Feuerstellen, um für die vier Hänsel gutes Essen zu kochen. Nach dem unbeschwerten und doch ernsten Spiel gehen alle gehen zufrieden nach Hause. Jedes Kind hat „seine“ Hauptrolle gespielt.

Zwei Jahre später werde ich vom Zytglogge-Verlag angefragt ein Werkbuch mit dem Thema Märchen zu schreiben. Darin beschreibe ich ausführlich diese Spiel-Art. Dazu habe ich 73 von mir geleitete Rollen-Spiele zu folgenden Gesichtspunkten analysiert: Alter, Geschlecht, gewählte Rolle. Kein Kind unter acht Jahren wählt die Rolle der Stiefmutter. Mädchen wählen alters unabhängig auch männliche Rollen, wie z. B. den Teufel. Knaben hingegen schlüpfen ab dem Schulalter nicht mehr in eine weibliche Rolle. Hat sich das in den vergangenen 20 Jahren vielleicht verändert?

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