Die Pomeranzenbäume des Drachen

Es war einmal ein Königsohn. Von der Zeit an, wo er die Welt verstand, sagte er zu seinem Vater: „Vater, ich will nach den Pomeranzenbäumen des Drachen ausziehen.“ Er sagte es ihm wieder und immer wieder; was Tag, wo er nunmehr ihn auszuschicken beschloss, unterwies er ihn und sagte zu ihm: „Höre, mein Kind, lass dir sagen: du wirst da hingehen, wo du beabsichtigst, aber du musst Augen zu vieren haben. Der Drache, der die Pomeranzenbäume bewacht, schläft mit offenen Augen. Wenn du also siehst, dass er seine Augen geschlossen hat, nähere dich ihm nicht, weil er dich fressen würde! Wenn du jedoch siehst, dass er seine Augen offen hat, dann stürze dich darauf und ergreife drei Blätter! Jedoch strecke deine Hand nicht noch einmal aus, denn der Drache würde erwachen.“

Der Königssohn nahm also ein Pferd und ritt, ritt, fand die Pomeranzenbäume des Drachen, fand den Drachen mit offenen Augen, stürzte sich darauf und ergriff drei Blätter. Als der Königssohn zum Eingang des Gartens gekommen war, zerriss er das eine von den Blättern: heraus kam ein Mädchen und rief: „Wasser, Wasser!“ Der Königssohn hatte kein Wasser, und das Mädchen starb.

Als der Königssohn noch ein Stück Weges zurückgelegt hatte, zerreisst er auch das zweite Blatt. Heraus kam wieder ein Mädchen und rief: „Wasser, Wasser!“ Der Königsohn hatte kein Wasser zu geben – da starb auch dieses Mädchen. Darauf sprach der Königssohn in seinem Sinn: „Ich werde dieses Blatt lassen und es nicht hier zerreissen, wo es kein Wasser gibt, sondern ich will weiter gehen bis zu einer Quelle und es da zerreissen.“

Als er ein Stück Weges gemacht hatte, findet er eine Quelle, steigt von seinem Pferde herab, zerreisst das Blatt. Heraus kam wieder ein Mädchen und rief: „Wasser, Wasser!“ Er ergreift das Mädchen und wirft es ins Wasser. Heraus kam ein Mädchen, so schön. Nun sprach der Königssohn zu dem Mädchen: „Dich werde ich auf diese Platane bei der Quelle setzen, und ich werde Maultiere aus dem Dorf holen und dann kommen und dich holen.“ Er setzte das Mädchen auf die Platane und ging zu seinem Vater, um Maultiere zu holen.

Als der Königssohn gegangen war, kam eine Zigeunerin, um ihre Krüge an dieser Quelle zu füllen. Sie sah den Schatten des Mädchens, glaubte, dass es ihr eigener Schatten sei und sprach: „Ei, wie schön bin ich! Und mein Herr mag mich nicht?“ Das Mädchen hielt nicht an sich, es rief von der Platane herab und sagte: “Pah, geh zum Teufel! Bist du es, dumme Zigeunerin, oder ich?“

Die Zigeunerin dreht sich um, erblickt das Mädchen und sagt: „Du bist es, meine Tochter. Ich habe das im Scherz gesagt. Komm herunter und lass dich lausen!“

Nach langem Hin und Her überredete die Zigeunerin mit ihrer süssen Zunge das Mädchen: es stieg herab. Während sie sie lauste, bohrt sie ihr eine Sacknadel in ihre Schläfe. Als sie sie einbohrte, fielen drei Blutstropfen in das Wasser und wurden zu drei goldenen Fischchen. Das Mädchen aber nahm die Zigeunerin und warf es in ein Gebüsch. Dann stieg sie auf die Platane an Stelle des Mädchens.

Es kam später der Königssohn mit Dienerin und Nebenbediensteter, um das Mädchen zu holen. Er fand die Zigeunerin! – Was sollte er tun? – Er nahm sie, sah auch die goldenen Fischchen, nahm auch diese mit und zog ins Schloss. Sie wurden getraut. Die Fischchen aber warf er in ein Glasgefäss. Wenn der Königssohn kam, sie zu sehen, bezeugten sie Freude; wenn aber die Zigeunerin kam, stürzten sie sich auf sie, um ihr die Augen auszureissen. Da fürchtete die Zigeunerin, dass der Königssohn Verdacht schöpfe, und stellte sich krank. Der Königsohn holte Ärzte: sie konnten nichts machen.

Schliesslich sagte die Zigeunerin, wenn er nicht jene Fischchen schlachte, werde sie nicht gesund. Der Königsohn wollte sie nicht schlachten. Aber die Zigeunerin rief jeden Tag: „Du liebst mich nicht: darum schlachtest du sie nicht!“ Was wollte der Königsohn machen? – Er schlachtete die Fischchen.

Als die Zigeunerin sie gegessen hatte, las man deren Gräten zusammen und warf sie zum Fenster hinaus.

Nach einigen Tagen sprosste eine Zypresse aussen vor dem Fenster und wuchs in kurzer Frist in die Höhe und wurde ein grosser, himmelhoher Baum. Wenn nun der Königsohn unter die Zypresse trat, fächelte sie ihm Luft zu. Wenn aber die Zigeunerin darunter trat, neigte sich ihr Wipfel herab, wie um sie zu töten.

Die Zigeunerin also merkte das wieder und stellt sich krank. Wieder holt der Königsohn die Ärzte – vergebens! Darauf sagte die Zigeunerin: „Wenn du die Zypresse umhaust und sie verbrannt wird, so werde ich gesund. Aber den Tag , wo man sie umhaut, sollten Leute aufpassen, dass niemand Rinde wegnimmt.“

Der Königsohn wollte ihn wieder nicht umhauen, aber siehe da – die Zigeunerin heulte jeden Tag, er liebe sie nicht und deshalb haue er ihn nicht um. Was wollte er machen? – Er stellte Leute an, ihn umzuhauen und befahl den Leuten, es solle niemand etwa Rinde wegnehmen. Zu der Stunde nun, wo sie die Zypresse zerspaltete, kam dort eine alte Frau vorbei und verlangte eine Rinde. Sie gaben ihr keine. Nun fiel zufällig ein Stück Runde ihr vor die Füsse. Sie nimmt es, geht nach Haus als sie dort im Begriff war, das Rindenstück ins Feuer zu werfen, rief es: „Verbrenne mich nicht, Tante, so wirst du viel Gutes von mir haben!“ Wieder wollte die Alte sie ins Feuer werfen – wieder rief die Rinde. Da warf die Alte sie unter die Treppe.

Nun ging die Alte in die Kirche. Da kam aus der Rinde ein Mädchen heraus und machte alle Hausarbeiten. Die Alte kehrte aus der Kirche zurück, fand das Haus gereinigt, die Teller gewaschen, alles in Ordnung. Sie sagte: „Wer mag das nur sein, der diese macht?“ Am Nächsten Tag tut sie, als ob sie in die Kirche ginge, öffnet die Haustür, geht dann in die Scheune und bleibt dort. Als das Mädchen herausgekommen war, um aufzuräumen, stürzt sie von draussen herein und fast sie ab:“ Du bist es,“ sagte die Alte, „die in der Rinde steckt?“ – Sie ergreift die Rinde und wirft sie ins Feuer. Seitdem hielt die Alte das Mädchen heimlich im Haus und behandelte sie als Tochter.

Nun hatten die Leute, die nachts im Orte wachten, wenn sie an dem Häuschen der Alten vorbei gekommen waren, immer alles dunkel gesehen. Seitdem sie aber das Mädchen hatte, sahen sie das Häuschen erhellt. Eines Abends kletterten sie zum Fenster und sahen ein Mädchen zum Anbeissen schön.

Von Mund zu Mund lief das Gerücht und kam dem Königsohn zu Ohren, dass die Alte in ihrem Häuschen heimlich ein Mädchen habe, schön wie ein Engel. Nun wurde eines Tages verkündigt, dass der Königsohn abends eine Tafel halten werde und alle Frauen und Mädchen kommen sollten. Es kamen alle Frauen zu dem Bankett, es kam auch die Alte, ohne das Mädchen. Da fragte sie der Königsohn: „Warum hast du deine Tochter nicht mitgebracht?“ Die Alte hatte Angst, sie war gezwungen zu lügen, sie habe keine Tochter. „Ich weiss es,“ sagte der Königsohn, „dass du eine hast. Aber geh und bring sie, sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen.“

Die Alte, sie mochte wollen oder nicht, ging und holte das Mädchen. Alle setzten sich nun zusammen und jedes Mädchen erzählte eine Geschichte. Es kam die Reihe zu erzählen an das Mädchen der Alten. Aber das wollte nicht erzählen und sagte, sie wüsste keine Geschichten. Der Königsohn sagte zu ihr:

„Hast du nichts erlebt? Erzähle das, damit du deinen Platz in der Reihe ausfüllst.“

Das Mädchen erwiderte: „Ich habe viele Leiden erduldet, aber die Tür muss verschlossen werden, wenn ich erzählen soll.“ Man schloss die Tür zu, und das Mädchen begann und erzählte ihre ganze Geschichte von Anfang an, dass sie in dem Blatt war, alles von den Fischen, der Zypresse – sie liess nichts weg.

Da merkte der Königsohn, dass sie seine Braut war, die er auf der Platane gelassen hatte. Er ergrimmte gegen die Zigeunerin und liess sie in Stücke hauen und dann einem Pferd auf der einen Seite die Stücke aufbinden, auf der andern Seite einen Sack mit tauben Nüssen, dass immer ein Stück und eine Nuss herabfiel, bis die Hunde sie verzehrt hatten. Darauf heiratete er das Mädchen und

es gab eine Hochzeit und einen Tanz

und gar einen lustigen Mummenschanz.

 

Neugriechische Märchen, Hrsg. P Kretschmer, Eugen Diederichs Verlag, Jena 1919.

 

 
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